Istanbul Pixabay / Public Domain

Warum wir die Türkei nicht aufgeben dürfen!

Lüdinghausen / Istanbul / Malmö – Aus der Türkei sind in den letzten Monaten nur selten gute Nachrichten gekommen. Eigentlich reißt der Strom von schlechten Nachrichten seit den letzten Parlamentswahlen im November 2015 gar nicht mehr ab. Noch kurz vor den Wahlen war ich selbst das letzte Mal in Istanbul, um eine Kollegin zu besuchen, mit der ich seit Jahren in einem Team arbeiten darf, welches sich aus acht Nationen von zwei/drei Kontinenten zusammensetzt.

Niemand in unserem Team ist von den politischen Umständen in seinem jeweiligen Heimatland unbeeinflußt. Wie soll das auch funktionieren, wenn man aus Rumänien kommt oder Rußland, Italien oder Schweden, Indien oder China, Polen, der Türkei oder Deutschland. Überall haben die Gesellschaften eine Dynamik, verändern sich politische Rahmenbedingungen und Realitäten mit einer Geschwindigkeit, daß sie natürlich auch unsere Zusammenarbeit beeinflussen – denn wenn du dort lebst, oder selbst, wenn du nicht (mehr) dort lebst, aber Familie und Freunde dort hast – dann bist du ein Teil davon. Dann musst du dich damit auseinandersetzen. Dann bist du betroffen.

So war ich schon letzten Sommer sehr in Sorge, was nach dem „vereitelten Staatsstreich“ in der Türkei aus meiner Istanbuler Kollegin werden würde. Eine liberale, weltoffene, ebenso selbständige wie selbstbewusste junge Frau, mit hervorragender internationaler Ausbildung und tiefer Verwurzelung in ihrer Heimat. Wie wird diese Frau sich arrangieren können, mit einem Regime, welches, nach allen westeuropäischen Maßstäben, droht sich in eine reaktionäre nationalistische Diktatur zu verwandeln.

Sie konnte sich nicht arrangieren und hat das Land schon Wochen vor dem Referendum am Sonntag verlassen. Dieser „Umzug“ in ein nordeuropäisches Land war keine Panikreaktion auf die „Wahl“, sondern die vorweggenommene, notwendige Maßnahme, sich vor den Konsequenzen dieser Abstimmung zu schützen. Sie war (und ist) als Mitarbeiterin eines internationalen Konzerns so privilegiert, ihren Arbeitsplatz wählen zu können. Sie hatte eine Wahl – und die Unterstützung ihres Arbeitgebers und ihrer Kolleginnen und Kollegen. Sie ist eine, von ganz wenigen, denen die Welt noch offen stand.

Nun ist zu befürchten, daß die Tore sich schließen. In Europa, so wie in der Türkei.

Wenn „Europapolitiker“ am Morgen nach dem 51 zu 49 das Ende der Verhandlungen über die Aufnahme der Türkei in die Europäische Gemeinschaft fordern, dann ist das scheinbar ein Zeichen für politischen Realismus. Denn diese Türkei hat sich, möglicherweise, seit den frühen 80 Jahren des letzten Jahrhunderts nie weniger für einen „Beitritt“ qualifiziert, als heute.

Doch wer heute – auch unter dem Eindruck der Abstimmungsergebnisse unter den in Deutschland oder anderen westeuropäischen Ländern lebenden Türken – keine anderen Schlüsse zu ziehen in der Lage ist, als populistisch festzustellen daß „die Türken“ sich bei so einem Abstimmungsergebnis zum Beispiel den „Doppelpass“ nicht „verdient“ haben – der zieht selbst an der anderen Seite die Zugbrücke hoch und überläßt die 49 Prozent aller Türken die eben NICHT für Erdogans Verfassungsänderung gestimmt haben, dem Sultan am Bosporus.

Der Brexit mag mit populistischen und falschen Argumenten seiner Befürworter und vollkommen falsch eingeschätzter Wahlbeteiligung beschlossen worden sein – die EU verhandelt. Donald Trump mag weniger Stimmen als seine Konkurrentin und mit tatkräftiger Hilfe ausländischer Interessen und manipulativer Medien die US-Präsidentschaft gewonnen haben – die EU verhandelt. In Polen oder Ungarn verstoßen demokratiefeindliche Regierungen gegen EU Grundsätze und Menschenrechte – die EU wirft sie nicht raus, sondern verhandelt!

Das ist, inhaltlich verkürzt und vermutlich nicht zu vergleichen – doch in allen Fällen, richtig & notwendig!

Vielleicht, nur vielleicht, gibt es allerdings etwas zu lernen, aus dem, was und wie man bislang verhandelt hat. Vielleicht, nur vielleicht kann man auch endlich aus Fehlern lernen? Es wäre an der Zeit!

Doch ganz egal mit wem, worüber. Vor allem auch mit einem Regime, welches Wahlen manipuliert, Minderheiten unterdrückt, Opposition verbietet, Richter oder Journalisten in Knäste sperrt und Kritiker mundtot macht, muss ernsthaft und zielführend verhandelt werden. Mit solchen Leuten ist es um so wichtiger! So hat Willy Brandt seine Ostpolitik begründet – und die Welt verändert!

Was aber unter allen Umständen nicht passieren darf, ist Menschen, gerade auch die vielen, die es wagten einem solchen Regime zu widerstehen und es, gegen alle offensichtlichen Widrigkeiten, beinahe geschafft haben, eine „Wahl“ zu gewinnen, die tatsächlich nicht unter fairen, gleichen und freien Bedingungen abgehalten wurde – dafür zu bestrafen, daß sie Türken sind!

#49%

#FreeDeniz!


ZEIT-Online – 17. April 2017, 23:51 Uhr

„Nein! Nein! Überall ist Widerstand!“