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Achtung Sackgasse – Warum VDSL der Deutschen Telekom das neue VHS ist

Lüdinghausen – Ich gebe gerne zu, dass die Überschrift nicht ganz der Zielgruppe dieses kleinen Aufsatzes entspricht. Können sich doch nur noch Menschen, die älter als 40 Jahre sind, noch an das alte Videoformat erinnern, welches schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts zuerst den Kampf gegen das Betamax Format (und Video200) gewonnen hat, bevor alle dann von DVD und BlueRay ersetzt wurden.

Heute sprechen wir schon nicht mehr von Speicher-Medien, sondern leben wie selbstverständlich damit, alle unsere Medienbedürfnisse über „die Cloud“ zu decken. Sei es das elektronische Abo der Westfälischen Nachrichten, Musik von Spotify oder Filme von Netflix, Amazon oder iTunes zu beziehen. (Haben sie übrigens mal versucht gebrauchte VHS Videos oder DVDs zu verkaufen? Das können sie vergessen!)

Die Telekom hat in den letzten Wochen in Lüdinghausen (über Seppenrade habe ich leider keinen persönlichen Überblick) stadtweit(?) ihre Verteilerkästen für VDSL vorbereitet. Das Titelbild in diesem Beitrag zeigt einen Verteilerkasten im Margeritenring. Die dicken schwarzen Leitungen sind Glasfaserkabel, die innerhalb ganz weniger Stunden in ca. 20-30cm Tiefe unter dem Pflaster des Bürgersteiges verlegt wurden.

Tolle Sache, eigentlich! Denn VDSL ermöglicht „bis zu“ 100 MBit/s Übertragungsraten, von denen ich heute noch etwa um den Faktor 100 entfernt bin. Und ich wohne in Steinwurfweite des besagten Verteilerkastens. Von dort führt allerdings ein ca. 40 Jahre alter „Klingeldraht“ aus Kupfer bis zu unserem Haus – wie viele von den 100 MBit/s dann in meinem Büro ankommen werden ist technisch nicht präzise vorherzusagen, doch (viel) mehr Kapazität als heute würde es wohl sein. Wenigstens in eine Richtung.

Für mein Home-Office, mit meinen Anforderungen von heute, würde diese VDSL Bandbreite wohl erstmal reichen – vielleicht sogar die nächsten paar Jahre… Dann ist die Technik aber bereits von gestern!

Ist das jetzt also ein Grund zur Freude, dass die Telekom, im Jahr 22 der Privatisierung der Deutschen Bundespost, auch Lüdinghausen endlich für moderne Informationstechnologie erschließen wird? Die Kanzlerin findet das schließlich gut! Die hat sich die 50MBit/s für alle (ab2018!!) ab sozusagen ins Wahlprogramm geschrieben und setzt dabei auf die Telekom.

Wer mich kennt, kennt auch die Antwort: Natürlich ist es das NICHT!

Das ehemalige Staatsunternehmen unternimmt mit der Umstellung auf VDSL über „Vectoring“ nur den letzten Versuch, aus dem alten (und vom Staat geerbten) Kupfer noch einige Jahre Umsätze zu generieren. Denn die „letzte Meile“, die (unterschiedlich) kurze Strecke vom Verteilerkasten in die Häuser und Büros, ist der tatsächlich teure und anspruchsvolle Teil der Kabelinstallationen.

Nun ist es sicher kein „Zufall“, dass die Erschließung der Telekom-Verteilerkästen durch Glasfaser zur gleichen Zeit erfolgt, in welcher ein „privater“ Konkurrent – die Deutsche Glasfaser – ein eigenes Netz zu verlegen droht.

Das eigene Netz, respektive die Kontrolle der Schaltkästen und damit die „letzte Meile“, will die Telekom, nämlich nicht abgeben. Damit wäre sie bei VDSL wieder mal, was sie schon mal war: Ein Monopolist…

Der Konkurrent will deshalb ein eigenes Breitband-Glasfasernetz bauen und betreiben, welches zusätzlich zu den Kupferkabeln der Telekom bis zu den einzelnen Wohnungen verlegt sein wird. Denn so ist er auf der „letzten Meile“ nicht auf die Anmietung von Leitungen der Deutschen Telekom AG angewiesen. Die Deutsche Glasfaser stellt ihr Netz dann allerdings auch anderen Telekommunikationsanbietern (Helinet, 1&1, etc.) als offenes Netz (natürlich nicht kostenlos) zur Verfügung.

Nun ist die Situation in Lüdinghausen also – nach mehr als einem Jahrzehnt in der Digitalen Diaspora – dass der gemeine digitale Kunde sogar die „freie Auswahl“ unter zwei konkurrierenden Technologien hat, die, im Grunde, beide das gleiche Versprechen: Schnelles & stabiles Internet.

Leider ist aber nur eine der beiden Alternativen ein tatsächlich zukunftsfähiges Angebot. Denn technisch ist bei der Telekom mit VDSL/FTTC dann das Ende der Fahnenstange erreicht, während es bei der FTTH (Fiber to the home) Technologie der Konkurrenz erst beginnt.

Es gibt natürlich auch von der Telekom die Möglichkeit Glasfaser bis nach Hause/in die Firma verlegen zu lassen – allerdings lässt diese sich das dann in einer Fürstlichkeit bezahlen, dass die Anschlüsse wirklich zu einer Lösung für Kunden werden, die Wert auf „Exklusivität“ legen.

Die Deutsche Glasfaser kalkuliert diese Verlegekosten (vom Verteilerkasten an der Strasse in den jeweiligen Keller/die Wohnung) mit EUR 700.-, was in etwa einem realistischen Mittelwert entspricht – und schreibt diese über die Mindestlaufzeit ihrer Verträge, bzw. über die spätere „Vermietung“ der Leitungen ab. Mit anderen Worten: Sie bekommen den Anschluss erstmal „geschenkt“!

Das ist tatsächlich mehr und bessere Leistung für weniger Geld und die Sicherheit in 10 Jahren nicht schon wieder den Vorgarten umgraben lassen zu müssen, weil mein Arbeitgeber auf die verrückte Idee kommt, schon wieder neue Kommunikationstechnologie benutzen zu wollen.

Dass mir allerdings bloß niemand unterstellt, hier dem „freien Markt“ oder einem spezifischen Anbieter das Wort zu führen: Die Deutsche Glasfaser ist sicher nicht der tollste Anbieter der Branche! Sie hat vielfach woanders schon Netze gebaut und nicht überall sind die Leute glücklich damit. Aber oft waren das eben auch Probleme die nichts mit der Technik, sondern zB. mit der Ausführung oder Geschwindigkeit der Pflasterarbeiten zu tun hatten.

Die „technischen Probleme“ im Netz sind die gleichen, wie bei allen anderen Mitbewerben. Fragen sie doch mal Kunden der anderen Netzbetreiber, bei uns zum Beispiel von Unitymedia. Am Ende ist das überall sehr gut vergleichbare und hochkomplexe Technologie.

Ich glaube tatsächlich, dass alle Telekommunikationsnetzwerke, genau so wie Stromnetze, Autobahnen, Wasserleitungen, Bahnschienen etc… zur Daseinsvorsorge und damit allesamt in die Verantwortung und den Besitz des Staates gehören!

Die Privatisierung der Telekom – in der Form der 90er Jahre – war ein Fehler!

Diesen Fehler hätten wir in Lüdinghausen korrigieren können, wenn sich die Stadt und/oder der Kreis Coesfeld dazu entschieden hätte, ein eigenes Netz zu bauen – und es dann an die Telko-Anbieter zu vermieten, statt auf deren Initiative zu warten und sich von deren Investitions- & Innovationsbereitschaft abhängig zu machen. In einigen Kommunen wurde das genau so umgesetzt und die Telekom war gar nicht glücklich darüber.

Doch darauf zu hoffen, wäre, auch angesichts der allgemeinen politischen Realitäten, eben genau das: Realitätsfremd! Deshalb ist das Angebot der Deutschen Glasfaser für Lüdinghausen nicht tatsächlich die beste Lösung – doch mit Sicherheit ist es das beste Angebot!

Nehmen sie es an!

LINK: Deutsche Glasfaser – Netzausbau Lüdinghausen

Brauchen sie nicht? Sie bezahlen also lieber das gleiche, für viel weniger – weil es ihnen genügt?

Hmmmmm…

Würden sie denn noch einen Videorekorder kaufen, falls der alte mal kaputt geht?

Ich habe noch einen! ;-)


Offenlegung/Disclaimer: Der Autor dieses Beitrags verfügt über keinerlei persönliche Expertise in der Bewertung kommerzieller Informationstechnologie – ausser der eines Benutzers! Er nimmt regelmäßig die Möglichkeit seines Arbeitgebers in Anspruch im Home-Office arbeiten zu können und benutzt dafür (über VPN) in der Hauptsache Videotelefonie mit 640×480 px Auflösung (Skype for Business) und Telefonkonferenzen (VoIP).

Er nutzt öffentlich-rechtliche Mediatheken und Streaming-Dienste – wenn die Leitung es hergibt. Sein durchschnittlicher Datendurchsatz im 3-Personen-Haushalt beträgt zwischen 10GB und 20GB/Download 2GB/Upload am Tag – auch bedingt durch regelmäßige nächtliche (lokale) Backups seiner Webserver mit einer durchschnittlichen Downloadrate von 600 KB/s. ;-(

Es geht… aber Freude macht das keine!

Kommentare ( 7 )

  • Danke für den Kommentar. Ich bin eigentlich nur noch einen klick von der Anmeldung für das Glasfasernetz entfernt. Einwilligung des Vermieters ist auch schon eingeholt. Ich denke ich machs jetzt ;-)

    • Gratulation an deinen Vermieter, Susanne! Der bekommt den Hausanschluss auf diese Weise „geschenkt“ – also eine Wertsteigerung seiner Immobilie „frei Haus“!

  • Etwas würde ich noch ändern im Text. Es wird nämlich bei der Verlegung kein Vorgarten umgegraben oder beschädigt! Die kleinen Leerrohre für die Glasfaser werden von der Straße oder dem Gehweg zur Hauswand in etwa 40 cm tiefe geschossen.

    • Jo, Olchen, Danke für den Hinweis! Ehrlich gesagt, hatte ich mich mit der Verlegetechnik noch gar nicht im Detail auseinandergesetzt. Habe also gerade mal kurze Recherchen betrieben. Da wurde auch das „Schießen/Spülen“ (mit Hochdruck) beschrieben! „Faszinierend!“ (Spock/Cooper)!

      Bei mir muss für das Kabel (Rohr) aber in jedem Fall ein Loch in die Wand gebohrt werden, und für die Durchführung muss es dann auch erst mal im Boden irgendwo ankommen – also hoffentlich da, wo auch gebohrt wurde. Wie das in unserem speziellen Falle gelöst werden wird (gepflastert bis zur Hauswand, Sackgasse und notwendige Kabelführung über mehrere Ecken/Winkel) ich lasse mich überraschen! Das ist letzten Endes doch „nur“ Handwerk für die Kollegen, und das werden schon keine Anfänger sein, sondern die werden den Job woanders schon hunderte Male gemacht haben! Davor habe ich keine Angst! ;-)

    • Beiträge in diesem Blog sind natürlich unbezahlbar! Wenn Autoren hier etwas gut oder schlecht oder richtig oder falsch oder schön oder wichtig finden, dann finden die das tatsächlich! Garantiert! ;-)

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