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Über Barbarossaplatz

Extradienst – Es ist jetzt vier Tage her, dass ich den TV-Film gleichen Namens gesehen habe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Spielfilm mich gedanklich so lange beschäftigt hat. Sowohl beim Versuch, seine Geschichte und seine Figuren zu verstehen; als auch bei der Überlegung: Wie finde ich das? Ist das gut? Oder sehr gut? Die Geschichte ist zu widersprüchlich und gebrochen, als dass ich in fanartige Begeisterung ausbrechen könnte. Ich denke immer noch darüber nach. Kann ein Film überhaupt eine bessere Kritik bekommen?

Die ARD versenkte den Film am Dienstagabend um 22.45 h in der DVB-T-Umschaltzeit, die letzte Viertelstunde war für mich per TV nicht empfangbar. Ich habe sie mir dann in der Mediathek angesehen. Bravo: Dort wird der Film nicht 7 Tage sondern drei Monate vorgehalten, weil er eine WDR-Eigenproduktion ist. Dann müssten sie ihn aber im Juni auch eigentlich gar nicht rausnehmen.

Wo soll ich anfangen, um das Besondere dieses Films zu beschreiben? Das Köln-Bild, so frei von jedem Marketing. Die grossartigen Schauspieler*innen Bibiana Beglau, Joachim Krol, Franziska Hartmann. Ich mochte Krol schon immer, so stark war er noch nie. Ihre Figuren laden nicht zur Identifikation ein, weil sie alle mehr als eine Macke haben.

Wie wir.

Selten so viel vom wahren Leben im Film gesehen.

Nehmen wir den Sex, so ganz ohne voyeuristische Schauwerte (obwohl die Damen wahrlich schöne Frauen sind). Er war nicht nur der Grund für den späten Sendeplatz. Er ist auch so banal, bisweilen brutal und unschön, wie die meisten von uns ihn schon viel zu oft selber gehabt haben.

Das sind für einen Film ausnahmslos Kassengift-Eigenschaften. Ein klassisches Produkt für öffentlich-rechtliches TV.

Die Produktionscrew transportierte während ihrer PR-Arbeit zum Film die Option, dass daraus eine Serie hätte werden können. Das ist so richtig, wie es unmöglich zu sein scheint. Eine solche Serie würde den boomenden Psychomarkt zusammenbrechen lassen. Denn im Film überschreiten die dargestellten Therapeut*inn*en permanent ihre berufsethischen Grenzen.

Weil sie nicht perfekt, sondern Menschen sind.

Wie wir.

Das wäre ein standespolitischer Skandal für alle, die mit Patienten auf der Couch ihre Lebensunterhalt verdienen müssen. Entsprechender Gegenwind würde die Chefs von ARD und WDR an einem einzigen BILD-Wochenende umblasen.

Aber das ist nicht nötig. „Über Barbarossaplatz“ hat bei ihnen sowieso keinen Kredit. Scheiss-Einschaltquote, klar unter 1 Million. Geldverschwendung. Wieder Marktanteile gegenüber dem ZDF verloren. Ich habe ein Protokoll einer ARD-Gremienkonferenz gesehen, und was ARD-Programmdirektor Herres dort so erzählt.

Ein anderes Strategiethema kennen sie dort gar nicht.

Ich gebe darum hiermit bekannt: so vernachlässigen die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihren Verfassungsauftrag. Und werden ihn verlieren. Mit dieser Einstellung treten sie der Minderheit in der Gesellschaft, die bereit wäre sich gesellschaftspolitisch für ihren Erhalt zu engagieren – ins Genick.

Das ist, als würden sie sich selbst erhängen.

Der Film in der ARD Mediathek