Tausche naturnahe Gärten gegen 24 Sorten Toilettenpapier… (und ein Kino)

Lüdinghausen – (K)Ein Leserbrief: Ich bin nicht mehr so jung und naiv, zu glauben den Kapitalismus überwinden zu können. Den Glauben daran ihn zu kontrollieren und dort einhegen zu müssen, wo die Interessen der Gesellschaft denen einer angeblich “freien Marktwirtschaft” entgegenstehen, jedoch, habe ich bis heute. Nun werden wir sehen, in wie weit Lüdinghausen sich dem anschließen oder sich dem ergeben möchte.

Wenn ein “Investor” der katholischen Kirchengemeinde ein Angebot macht, das diese nicht ablehnen kann oder will, dann wechselt schon mal ein Gartengrundstück in der Mitte der Stadt den Besitzer, OHNE dass irgend ein dritter dazu gefragt werden muss oder Einfluss auf die Transaktion nehmen kann. DAS Geschäft ist gelaufen – und zwar schon 2016 – als die Kirchengemeinde die Gärten an der Janackerstiege an die Firma Stroetmann aus Münster verkauft hat. Warum die Kirchengemeinde das getan hat, darf man sie fragen… eine Antwort sind sie allerdings niemanden schuldig – denn sie dürfen das eben.

Im letzten Jahr hieß es von der Firma Stroetmann allerdings noch: “Wir haben noch keine Pläne mit den Grundstücken.” Eine Aussage, die tatsächlich eine freundliche Umschreibung (oder alternative Wahrheit) dafür war, dass man sich durch den Erwerb der Flächen vorausschauend für den abzusehenden Konkurrenzkampf mit dem damals schon projektierten REWE Supermarkt auf der anderen Straßenseite präparieren wollte. Denn ein Monopol im Nicht-Discounter-Lebensmittelhandel (Pape, Wiewel, Tenberge) wie in Lüdinghausen gibt ein Konzern wie EDEKA nicht einfach kampflos auf.

So funktioniert freie Marktwirtschaft eben…

Deshalb war es auch keine Überraschung für niemanden mehr, als Stroetmann dann bereits am 13.01.2017 mit seinem Plan an den Bürgermeister, Frau Trudwig und Herrn Blick-Veber herangetreten ist, den vorhandenen Supermarkt um 800-1000 Quadratmeter Verkaufsfläche zu erweitern. Dass dieser Plan dem Bürgermeister also noch vor der Ratssitzung am 26.01.2017, welche die die Ansiedlung des Kino-Supermarkt-Komplexes auf der anderen Straßenseite beraten sollte, bekannt gewesen ist, aber weder im Vorfeld der Sitzung kommuniziert, in der Sitzung beraten und berücksichtigt oder im Nachlauf dieser Beratungen öffentlich bewertet werden konnte. Das lässt insgesamt jedenfalls zu, einige Schlüsse zu ziehen.

Denn entweder war man in der Stadtverwaltung und besonders an ihrer Spitze tatsächlich so naiv und weder vorbereitet und dann nicht in der Lage, diese Entwicklung vorherzusehen, weil man geglaubt hat, ein Immobilieninvestor hätte einfach Freude an den schönen Gärten mitten in der Stadt. Dann wäre das schlichtweg verantwortungslos.

Oder man hat diese Entwicklung gesehen, war vorbereitet und hat deshalb vermieden diese signifikante Veränderung der Einzelhandelsflächen in der Stadt im Vorfeld der Beratungen um das Lieblingsprojekt des Bürgermeisters zu thematisieren – weil man tatsächlich gehofft hat, dieses bis dahin längst in trockenen Tüchern zu haben.

Denn nun ergibt sich – unglücklicherweise – die, vermutlich, von der Stadtverwaltung vorhergesehene Situation, die gar nichts anderes mehr zulässt, als BEIDE Projekt umfassend neu zu bewerten: Bald 3000 Quadratmeter -zusätzlicher- Einzelhandelsfläche, neben den schon vorhandenen Flächen bei EDEKA, Bruno-Kleine, Aldi, Geiping, ergeben in der Summe nahezu 20-30% der GESAMTEN Verkaufsfläche (über alle Branchen) in der Lüdinghauser Innenstadt.

(Disclaimer: Diese Zahlen mögen ungenau sein, weil mir Lager/Verkehrsflächen tatsächlich nicht genau genug bekannt sind – und ich habe kein Interesse mit alternativen Fakten Politik zu betreiben – eine Ungenauigkeit hier ändert allerdings auch rein gar nichts an der Tendenz meiner Aussage!)

Wer jetzt noch nicht sehen möchte, was an der Konrad-Adenauer-Strasse entstehen soll, der WILL es nicht, aus Gründen die in der Absicht und der Sache dringend zu hinterfragen sind – oder er definiert den Begriff “Shopping-Center” einfach grundlegend anders, als ich.

Simplifizieren wir die komplexen Abhängigkeiten doch einfach: Wer in Lüdinghausen ein Kino will, muss auch (mindestens) einen neuen Supermarkt nehmen. Weil es einen neuen Supermarkt geben wird, will der vorhandene Supermarkt erweitern. Deshalb müssen die Gärten weg…

Es gibt auch andere Argumente, die durchaus für einen neuen Supermarkt sprechen – nämlich die Tatsache dass mit REWE endlich das EDEKA Monopol in diesem Segment des Lüdinghauser Einzelhandels gebrochen wird. Doch kann man da dem vorhandenen Investor verweigern, sich auf den neuen Wettbewerb auch neu aufzustellen?

Ist es tatsächlich so, wie Investor Stroetmann schreibt: “…dass eine Anpassung des bestehen Marktes an die heutigen Maßstäbe im Lebensmitteleinzelhandel zwingend erforderlich ist.”

Wer genau bestimmt diese “Maßstäbe”? Wer zwingt hier wen genau eigentlich zu was genau?

Und überhaupt, braucht der Konsument tatsächlich die Auswahl zwischen 24 Sorten Toilettenpapier, 80 Sorten Joghurt und ein Café-Lounge-Restaurant in der Kassenzone oder reichen nicht auch 4 Sorten Papier und 12 Sorten Joghurt und er geht zum Kaffeetrinken statt dessen zu Terjung oder in’s Hüs’ken?

Es ist nicht einfach diese Frage zu beantworten. Der Konsument ist König. Und eine ganze Industrie lebt davon, seine Bedürfnisse zu ermitteln… die Politik hat davon nicht notwendigerweise eine Ahnung. Ich auch nicht.

Aber ich weiß, wie und wo ich leben möchte.

Zum Nachdenken noch eine Bemerkung meines Bruders… der in einem anderen Zusammenhang (dem Wohnungsmarkt in Bonn) ganz zutreffend analysiert:

Eigentum an Grund und Boden und der Umgang damit sind eine Sache der ganzen Gesellschaft, nicht von wenigen Eigentümer*innen oder Investmentfonds. Sie gehören in demokratische kommunale Kontrolle!

So schreibe ich es unserer Lokalpolitik in das Hausaufgabenheft!


Wer sich einen “online-“Eindruck von den Janacker-Gärten machen möchte, den lädt die Familie Neubert gerne dazu ein: http://garten.neubert.at/

Mit Leistungssporthalle, Supermarkt und neuen Parkplätzen droht das bald zur Vergangenheit zu werden…


PS: Zum Thema des besonderen ökologischen Wertes der Janacker-Gärten suche ich noch eine/n AutorIn dir/die das Thema mit dem notwendigen Sachverstand aufbereiten möchte. Ich finde die Gärten einfach nur faszinierend und ihr Verschwinden würde mir echten seelischen Schmerz zufügen!

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