Rasmus Richter

Neuer Hauptbahnhof in Münster – Mit Anlauf ins Fahrrad-Chaos

Münster – von Rasmus Richter – Eine Sache vorweg: Die Bahn kann diesmal nichts dafür. Der vielgescholtene Staatsbetrieb hat geliefert. Planung, Bau und Erföffnung des neuen münsterschen Hauptbahnhofs gingen in knapp zweieinhalb Jahren Bauzeit nahezu reibungslos über die Bühne.

Lediglich ein Blindgängerverdacht gleich zu Anfang des Mammutprojekts sorgte für Verzögerung – die wenigen Monate aber scheinen vernachlässigbar angesichts jahrelanger Querelen um den Berliner Flughafen oder die Elbphilharmonie. Dabei lief der fahrplanmässige Betrieb des Bahnhofs in vollem Umfang weiter. Nur ob des korrekten Bahnsteigs wurde den Reisenden ein wenig Obacht abverlangt.

Am letzten Juli-Wochende spendierte die Bahn dann zur feierlichen Erföffnung eine große Sause mit Musik, Aktionsständen und Kinderkarussell: Münster hat nach Abriss des charismatischen, aber abgängigen 60er-Jahre-Baus endlich wieder einen repräsentativen Hauptbahnhof mit moderner Verkehrsstation und einladender, heller Fressmeile.

Nur die Fahrradfahrer bekommen davon bisher nicht viel mit.

Die hatten während der Bauphase durchaus zu leiden. Während der Bauarbeiten auf der Westseite waren auch die westlichen Ausgänge der Gleistunnel zur Innenstadt hin verschlossen worden. Wer vom Hauptbahnof in die Innenstadt oder zur Bushaltestelle wollte, wurde von der Ostseite des Bahnhofs durch den Hamburger Tunnel geschickt.

Die einstige Abkürzung aus den östlichen Stadtvierteln in Richtung Innenstadt wurde damit zum Zeitfresser, weil Radfahrer wegen der zahlreichen Passanten deutlich die Geschwindigkeit reduzieren mussten. Trotz – im wahrsten Sinne des Wortes – plakativer, vorauseilender Schuldzuweisungen gegen die Radfahrer durch die Stadtverwaltung klappte das übrigens sehr gut. Schwerere Unfälle während der Umbauphase sind nicht bekannt.

Die Planer waren gewarnt

Reisezentrum, Frittenbude, Bäcker und Zeitungsladen zogen während der Bauphase in ein Containerdorf an der Ostseite des Bahnhofs um. Und auch auf dem Areal des ehemaligen Metropolis-Kinos wurde gebaut. Dort entstand ein hochgradig gentrifiziertes Wohnhochhaus für die zukünftige von Mama und Papa finanzierte Studienelite.

Für beide Maßnahmen wurden – zumindest vorübergehend – Fahrradstellplätze geopfert. Weil gleichzeitig kaum noch Bahnhofsbesucher ihr Fahrrad inoffziell in der Windhorststraße abstellten, wurde der Fahrrad-Parkdruck auf der Ostseite des Bahnhofs enorm. Auf dem Areal zwischen der Einmündung der Schillerstraße und dem Beginn des Containerdorfs fand sich über Monate hinweg kein freier Stellplatz.

Derweil ignorierte die Stadtverwaltung geflissentlich die Warnungen der Umwelt- und Verkehrsverbände, die Abstellfächen rund um den neuen Hauptbahnhof seien nicht ausreichend.

Und prompt nach der Einweihung ist der Ernstfall eingetreten:

Es dauerte nur drei Tage nach Eröffnung, bis das Ordnungsamt Münster gegenüber Radfahrern, die es wagen würden, ihre Leezen vor der neuen Bahnhofsfassade abzustellen, unerbittliche Härte ankündigte. Räder, die vor dem Hauptbahnhof abgestellt werden, sollen direkt umgeparkt werden. Damit, dass in Münster Menschen ihre Fahrräder vor dem Hauptbahnhof abstellen würden, hatte bei der hochprofessionnel arbeitenden Verkehrsplanung von Norbert Vechtel anscheinend niemand gerechnet…

Aus dem Fiasko vor den Münster-Arkaden nichts gelernt

Dabei sollte man dort eigentlich Erfahrung mit bedarfsgerechter Planung von Radabstellanlagen haben, denn Vechtels Laden ist ein gebranntes Kind: Als vor einigen Jahren das Einkauszentrum Münster-Arkaden mitten in der historischen Innenstadt eröffnet wurde, hatte man ebenfalls ausreichende Abstellanlagen vergessen.

Der ADFC hatte sich damals noch vor den Karren spannen lassen und den Betrieb eines halbherzig umgesetzten Fahrradparkhauses übernommen. Weil das aber eben am Bedarf der alltäglichen Laufkundschaft vorbeigeht, dürfen seit Jahren Hartz IV-Aufstocker das Leezenchaos im Eingangsbereich sortieren.

Vechtel und Konsorten scheinen aber nicht in der Lage zu sein, aus den Fehlern der Vergangheit zu lernen. Statt beim neuen Hauptbahnhof direkt für ausreichende Abstellanlagen zu sorgen und die Gunst der Stunde zu nutzen, schlampt die Verkehrsplanung Münster jetzt zusätzliche Stellplätze in den Hamburger Tunnel. Dort werden gerade doppelstöckige Fahrradständer aufgestellt.

Die sind einerseits nicht bedarfsgerecht, weil sie eben keine gut erreichbaren Stellplätze für den schnellen Einkauf oder Snack im Bahnhof ersetzen, andererseits sind sie kontraproduktiv für die Errichtung eines schnellen Radverkehrsnetzes in Münster, weil sie die Reaktivierung der zügigen Durchquerung des Hamburger Tunnels verhindern.

Gleichzeitig scheint rückwärtsgewandten Verkehrsplanern wie Vechtel nicht klar zu sein, dass hier durchaus die wirtschaftlichen Interessen der Bahnhofsmieter mißachtet werden. Das sind derzeit hauptsächlich Anbieter aus dem Bereich der Schnellgastronomie. Die wiederum sind in Münster eine willkommene Alternative zu Mensen oder Betriebskantinen – wenn sie denn zügig erreichbar sind. Aber dafür braucht man in einer Fahrradstadt eben zielnahe Fahrradstellplätze – nur für ein paar frittierte Hühnerteile vom KFC oder zwei Big Macs nutzt niemand ein Fahrradparkhaus.

Aber eigene Fehler einzugestehen, war noch nie eine Stärke der münsterschen Verkehrsplanung, und so wird man wohl mit westfälischer Beamtenborniertheit vor dem neuen Hauptbahnhof Münster mit Fahrrädern Sokoban spielen, bis vielleicht mal in ferner Zukunft irgendjemandem auffällt, dass man hier an einem Phänomen herumschustert, dass man mit etwas Grips und ein wenig Planung gut hätte in den Griff bekommen können. Aber ist halt schöner, wenn man seine Birne nicht anstrengen muss und schön immer auf den Sündenbock einkloppen kann, nicht wahr, Herr Vechtel?

Ach ja, in Utrecht hat man vor ein paar Jahren auch den Bahnhof umgebaut. Und gleich ein ordentliches Fahrradparkhaus daneben gestellt – die Zahl der Stellflächen hat hinten eine Null mehr dran, als der Murks in Münster…

Crosspost via: leezerize.de

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