by GovernmentZA

lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum.*

Lüdinghausen / Hamburg –

Ich bin erschöpft.

Nach den non-stop-live Parteitagswochenenden der letzten Wochen habe ich bei mir Symptome der Polit-Übersättigung beobachtet. Keine Motivation mehr, nicht mal mehr für die Tagesschau. Politische Talkshows habe ich schon seit Wochen oder gar Monaten nicht mehr gesehen. Mein Nachrichtenkonsum politischer Nachrichten hat sich in den letzten Tagen im Wesentlichen auf das schnelle Scrollen meiner Filterblase, CNN und Spiegel-Online beschränkt.

Warum in aller Welt hätte mich also der G20 Gipfel interessieren sollen?

Eine Schauveranstaltung derer, die „uns“ zu regieren vorgeben. Über viele Monate verhandelt und vorbereitet von den, nach den nepalesischen Bergführern im Himalaya, Sherpas genannten Unterhändlern der beteiligten Nationen. Ihre Ergebnisse sollten „präsentiert“ werden, im Rahmen einer Großveranstaltung, in der schönsten Stadt Deutschlands, dem Tor zur Welt. Eine Veranstaltung sorgfältig inszeniert und vorbereitet von Profis, die sich tatsächlich mehr auf das Eventgeschäft, als denn auf Vermittlung von Politik verstehen.

Doch in den letzten Tagen war es mir unmöglich, mich dem „Flow“ der Nachrichten aus Hamburg zu entziehen.

Es waren schlechte Nachrichten.

Es war ein „Fest“ für die industrialisierte Verwertung der „Wirklichkeit“, betrieben von Nachrichtenkanälen und Social-Media-Junkies auf der Jagt nach dem spektakulären Höhepunkt. Sie messen ihren Erfolg in der Quote und ihre „Likes“. Linear und on-demand. Gedruckt und gesendet.

Und Quote haben sie bekommen!

Doch Hamburch, mein Hamburch… warum du? Das hast du nicht verdient!

Ein  kleiner Exkurs: Hamburg steht, wie keine andere Stadt in Deutschland für den freien Handel – welcher allerdings nicht zwingend etwas mit individueller Freiheit gemein hat! Und um die Freiheit des Handels, gegebenenfalls auch militärisch, durchzusetzen haben sich die Mächtigen schon im 12. Jahrhundert pragmatisch auf gemeinsame Interessen zu verständigen vermocht. Die Hanse war der Urahn der G20 – und der Gipfel am historisch absolut richtigen Ort!

Woran werden wir uns erinnern? Freihandel? Hungersnot in Afrika? Klimaerwärmung? Trump, der Putin trifft und seine Tochter die Arbeit machen lässt?

Ein mächtiger Irrtum!

Friedrich Schiller wird allerdings tatsächlich anderes im Sinn gehabt haben, als den Mob von Hooligans, Schwachköpfen, Plünderer, Pyromanen und postpubertärer, kleinkrimineller Wichser, der, getrieben von seiner perversen Geilheit, einen ganzen Stadtteil in Schutt und Asche zu legen bereit war, der wie kein andere für die angebliche Liberalität in der „Freien & Hansestadt“ gestanden hat. Und doch hat er mit seinen Zeilen geradezu ein prophetisches Szenario beschrieben:

Wir betreten feuertrunken, göttliche dein Heiligtum!

Der Soundtrack… war ich der einzige den die Bilder aus dem Schanzenviertel an Apocalypse Now erinnert haben?

Bei Coppola war es Richard Wagner, bei Merkel Beethoven.

Ich mußte an die Mütter denken, die angesichts der Bilder nur noch Angst um die Unversehrtheit ihrer Kinder hatten. Meine Mutter hätte die ganze Nacht kein Auge zu getan.

Auch Polizisten haben Mütter. Polizisten jenseits ihrer Erschöpfung… durch die Stadt getrieben von den Ereignissen und einer Einsatzleitung, die nach „Hamburger Linie“, „Deeskalation“ durch Pfefferspray und Wasserwerfer betrieben und ihre Einsatzkräfte so zwischen den mächtigen, den wirkmächtigen und den ohnmächtigen aufgerieben hat.

Die Kanzlerin hat zum Tanz gebeten.

Und es sind tatsächlich ALLE gekommen!

„Revolution“ war, weil der Budnikowski brannte! Haben die Wichser „gewonnen“?

Wenn ja, welche?

Erdogan, Putin und Kumpane haben diese Zurschaustellung demokratischer (westlicher?) Protest- & Polizeikultur mit Sicherheit und Befriedigung zur Kenntnis genommen.

Ebenso wie Restdeutschland und seine Eliten, denen dieser „Gipfel“, wenn schon nicht die gewünschten Bilder, so doch den willkommene Anlass jede „Schuld“ an dem missratenen Wochenende bei anderen zu suchen und jede Verantwortung weit von sich zu weisen.

Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist undeutsch… ich glaube, das kann ich für „uns“ in Anspruch nehmen.

Hauptsache: Jemand muß zurücktreten!

(Über?) 500 verletzte Polizisten, hunderte Festnahmen, geplünderte Läden, fliegende Gehwegplatten, brennende Autos und suspendierte demokratische Grundrechte sind ein hoher Preis für ein Gruppenfoto der mächtigen.

Ein hoher Preis, für die Hamburger Linie.

Ein hoher Preis für das Ausleben von postpubertären Revolutionsphantasien auf Instagram-Timelines.

Ein hoher Preis für den Bundestagswahlkampf.

Dafür gibt es keine „Revanche“! Eine Parlamentswahl ist kein Rückspiel.

Wollt ihr wirklich die Morde des NSU gegen Autowracks aufrechnen?

Hätten tote Polizisten oder tote Brandstifter euch mehr Genugtuung verschafft?

Noch viel besseres Material? Bessere Munition? Ein besseres Argument?

Ihr habt sie doch nicht mehr alle!

ALLE!


Und das alles für ein Abschlusspapier, das uns nicht weiterbringt, sondern die Ungerechtigkeiten und den Klimawandel manifestiert. Dafür braucht man keine Konferenz. Am Ende ist es sogar so, dass fast alle nur über die bekloppten Chaoten und Randalierer sprechen, aber das eigentliche Thema auf der Strecke bleibt. Der Kolumnist Georg Diez hat es auf den Punkt gebracht: „Es scheint, als seien fast alle zufrieden, dass sie über Gewalt streiten dürfen, dann müssen sie nicht über Gerechtigkeit reden.“

Marco Bülow, MdB, 10.07.2017



* Die Überschrift zu diesem Beitrag ist ein konkretes Gedicht mit dem Titel „lichtung“ des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl. Dazu gibt es die verschiedensten Interpretationen. Möge sich hier bitte jeder einfach die geeignetste heraussuchen oder den Aufwand betreiben eine eigene zu finden.


Hinweis: Nach dem besten Wissen des Autors hat in Hamburg am vergangenen Wochenende kein Budnikowski Markt gebrannt. Dafür aber alles mögliche andere. Diese „Fakten“ ändern allerdings nichts an den Bewertungen und noch nicht abschließend gefundenen Meinungen in diesem Beitrag!

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