(K)Eine Architekturkritik – Wie in einem schlechten Film

Keine der beiden Investorengruppen bietet eine dem nördlichen Stadteingang von Lüdinghausen (von Münster kommend) würdige Lösung an. Diese Ecke unserer Stadt hat tatsächlich so viel besseres verdient. Gerade auch die Tatsache der inzwischen geräumten Altbebauung an der Ecke Adenauer / Münsterstraße konnte natürlich in die Planung der Investoren nicht mit einfließen, hat man doch auch hier wieder nur klein-teilige Projektplanung betrieben, statt – bis hin zur neuen Sporthalle – ein ganzes „Quartier“ zu entwickeln.

Haben wir in Lüdinghausen denn wirklich überhaupt keinen Anspruch, nehmen was wir kriegen können und hoffen halt darauf, dass es am Ende irgendwie passt?  So wird unsere Stadt tatsächlich Stück für Stück an die meistbietenden verscheuert, einige wenige machen ihren Schnitt und wir alle müssen die nächsten Jahrzehnte damit leben.

Wenn ich mich entscheiden sollte, welche der nun vorliegenden Planungen besser „passen“ würde, dann komme ich wirklich an meine Grenzen:

Apollon (Austrup/Merten)

Die Gruppe um Austrup hat ein fünfblättriges Kleeblatt mit bunkerartigen massiven Rückfronten in Richtung des Stadteingangs (inkl. der sozialräumlich sehr schwierigen Resträume all der Winkel und toten Ecken) projektiert. Hier wird wahrhaftig großzügig mit dem Raum umgegangen. Leider wird er tatsächlich vergeudet. Quadratisch, unpraktisch und (von hinten) in seiner Massivität hauptsächlich abweisend.

Die Gruppe um Assmann/Lorenz lässt aus Blickrichtung Norden das parkende Blech der Kundschaft besichtigen. Trotz Öffnung und Durchgrünung ihres terrassenförmigen Baukörpers und Tiefgarage ist das ein reichlich beliebiger Anblick. Denn so sieht es tatsächlich doch fast überall woanders auch schon aus.

Keiner der beiden Vorschläge präsentiert also ein architektonisch hochwertiges und sich erhebendes Gebäude mit einer Schaufront für den Eingang von Lüdinghausen. Beide Investoren ducken sich lieber weg, zugunsten der effizienten Kombination von Kommerz und Stellplätzen.

Die Bebauung eines so hochwertigen Filetgrundstückes (und das ist der vordere Teil zur Ecke Konrad-Adenauer/ Stadtfeldstraße!) kann man einfach nicht mit 5 Kästen oder spärlich „durchgrüntem“ Parkplatz gestalten wollen.

Die Tricks beider Seiten sind einfach zu durchschauen:

Der Kindergarten von Austrup/Merten ist die Beruhigungspille, weil sich jetzt alle schon so schön an die roten Container gewöhnt haben. Doch seit wann sind die Grundstückspreise in Lüdinghausen so hoch, dass wir für einen Kindergarten tatsächlich keine ebenerdigen Flächen mehr finden – für Parkplätze aber schon?

So wird jeder Ausflug mit den U-3-Kindern zur logistischen Meisterleistung der Betreuungskräfte – da kennt meine Frau sich aus. Sie kennt auch die spektakulären Räumungsübungen über Rettungsrutschen aus dem dritten Stock. Für die Kinder mag das sogar ein Spaß sein. Für eine an Platzangst leidende Erzieherin über 50 ist das tatsächlich ein traumatisches Ereignis!

Selbst wenn es tatsächlich unbedingt ein Kindergarten an der Konrad-Adenauer-Straße sein soll, wäre so etwas allemal im Umfeld der geplanten Sporthalle und Ostwallschule (Janackerstiege / Asylbewerber-Unterkunft) oder gar der schon angesprochenen Ecke an der Münsterstraße bei weitem technisch weniger komplex, billiger und vor allem auch Kinder- & Eltern-freundlicher möglich. Doch was dem einen Investor seine Bücherei, ist dem anderen sein Kindergarten…

Der Trick des Assmann/Lorenz-Vorschlags sind natürlich die Wohnungen mit Tiefgarage (teuer!). Doch machen wir uns nichts vor: Diese Tiefgarage soll ja tatsächlich auch nicht zu Zwecken der besseren Vermarktbarkeit von „hochwertigem“ Wohnraum gebaut werden. – Haben wir letztens nicht alle noch über sozialen Wohnungsbau gesprochen? – Sondern um die Möglichkeit zu behalten, in einem zweiten Schritt das Filetgrundstück nach Norden mit einem Schuhpark, Kik, Tocco, Rossmann oder irgendeiner Kombination beliebiger Discounterketten, bebauen zu können.

Die auffälligen Unterschiede der angegebenen Investitionssummen – sofern sie denn realistisch sind – begründen sich vor allem in den Vorteilen der Simplizität und Effizienz der Baukörper von Austrup/Merten. Der „zweite Schritt“ ist aber in beiden Angebote bereits impliziert: Wenn das Kino mal nicht mehr will oder kann, dann entsteht auf freiwerdender Fläche Einzelhandel.

Austrup/Merten haben da mit ihren Kino-Bunkern die Mall dann schon stehen. Assmann/Lorenz könnten die dann noch auf den Parkplatz bauen – wobei schon erhebliche Verkaufsflächen im bereits vorhandenen Gebäude verfügbar würden.

Eine Architekturkritik ist hier deshalb wirklich müßig: Die Stadt hat hier vor Jahren ein Kerngebiet planungsrechtlich fest gesesetzt. Was so viel heißt wie: Dieses Gelände ist ein Teil der „Innenstadt“. Und damit ist dort planungs- und baurechtlich fast alles zulässig und die Träume einer immer größeren Innenstadt wie in Senden oder Dülmen können wahr werden.

Von den planerischen Fehlern von Senden oder Dülmen sowie zahlreicher anderer Provinzstädte wollen wir tatsächlich nicht lernen, sondern wir wollen mithalten! Damit werden diese Klein- und Mittelstädte aber entlang ihrer Einfallstraßen allesamt austauschbar. Es fehlt ihnen dort heute schon ein Gesicht. Dieser ruinöse Wettbewerb treibt noch die letzte Gemeinde in die Selbstauslöschung ihrer Identität!

Künftig fährt man rechts und links der B 235 Konrad-Adenauer-Straße ab, parkt dort sein Auto, geht im einem der mehreren Nahversorger einkaufen, ins Kino, zum Kindergarten, in die Burger-Pizzabude oder zum Geiping, dann noch zum Blumenladen und hat die restliche Innenstadt nie gesehen.

Es glaubt doch keiner, dass jemand vom „Kino“ aus die 800 Meter bis zum Extrablatt läuft um dort ein Bier zu trinken um dann wieder 800 Meter zurück zu laufen. Dieses Publikum geht rein und wieder raus. Jetzt mal ehrlich, wenn sie in Münster im Cineplex waren, wie oft waren sie „davor/danach“ noch in der Altstadt „was trinken“??? Ich, für meinen Teil, fahre dann nach Hause und trinke höchstens noch ein Bier bei Ulla & Pele… weil das bei mir um die Ecke ist.

Das Alleinstellungsmerkmal der Lüdinghauser Altstadt könnte dann ein Open-Air-Museum werden – getragen von einigen Events mit historischem Bezug – der Marktplatz wäre dann ja auch bald mal fertig. Vielleicht könnte man dort dann ja auch Eintritt erheben?

Egal, was ich davon halte: Der Rat muss sich entscheiden! Und die dort entscheidenden sind ohnehin mehrheitlich „dafür und nicht dagegen“! Für ein paar Jahre Kino und ein erfülltes Wahlversprechen des Bürgermeisters müssen wir mit dieser Entscheidung leben. Aus der Nummer kommen sie nun nicht mehr heraus!

Wenn ich mich entscheiden müsste – dann ziehe ich den Plan von Assmann/Lorenz vor. Dieser macht den Baukörper etwas erträglicher und steckt das parkende Blech (zum Teil) in die Tiefgarage. Der verbleibende offene Raum wäre vermutlich etwas „leichter“, „sozialer“ und deshalb, von der Bundesstrasse aus, vermutlich auch etwas weniger abweisend. Sie zeigen wenigstens das Bemühen die glatten Fassaden durch Fenster-Rücksprünge zu brechen und zu beleben. Allerdings wünsche ich mir für dieses Projekt dann eine unabdingbaren Auflage um eben das verbleibende Freigelände (Parkplatz) zu erhalten!

Und, wenn ihr noch einen Rest an Glaubwürdigkeit in der Sache behalten wollt, dann legt ihr die Quadratmeter für „kulturelle Nutzung“ fest und lasst Assmann/Lorenz gefälligst Sozialwohnungen bauen! Schöner wird das so auch nicht. Aber (vermutlich) etwas weniger furchtbar.

Der Kindergarten bleibt eine, mir wirklich unerklärliche, Schnapsidee – und tatsächlich doch vor allem ein furchtbar peinliches Zeugnis für die Stadtverwaltung!


Hinweis: Mir lagen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrages nur die spärlichen Informationen und öffentlich zugänglichen Zeichnungen der Architekten vor, wie sie in der Zeitung veröffentlicht wurden, bzw. im Video des Bürgermeisters gezeigt wurden. Sollten weitere Materialien zugänglich gemacht werden, werde ich mein Urteil überprüfen.

Bei einer beabsichtigten Entscheidung über das Projekt durch den Stadtrat schon in zwei Wochen ist das tatsächlich eine Eile, die den langfristigen Auswirkungen des Projektes auf die Stadt Lüdinghausen in keinster Weise gerecht werden kann!

Warum sollten die Interessen von Investoren einen Vorrang vor denen der Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt haben?


Link: http://spd.netzwerk-lh.de/kommentar-es-geht-um-ein-kino/
Link: http://gruene-luedinghausen.de/2017/01/30/der-flotte-weg-zum-richtigen-investor-vom-kino-zum-kindergarten-und-wieder-zurueck/
Link: https://www.facebook.com/CduLH/posts/1369111543146292

Kommentare ( 6 )

  • Wir können ja einen Marktplatz oben drauf setzen.
    In dem Fall: Auch meinetwegen mit Stufe.

    Belebt das Geschäft. Frische Luft. Tolle Aussicht und diejenigen, die bei Aldi und Wiewel einkaufen, sehen aus wie Ameisen. :)
    Chapeau!

  • Rein architektonisch gefällt mir Assmann/Lorenz auch besser. Es ist luftiger und erinnert mich ein wenig an ein Schiff mit dem „Bug“ vorne. Ich bin allerdings nach wie vor für unterirdische Parkplätze, da ich die Fläche oberirdisch für Autos für verschwendet halte. Vielleicht kann da Assman/Lorenz die Fläche ja für ein tolles Kindergartenprojekt umgestalten. Und auch das hatte ich an anderer Stelle schon geschrieben, keine weiteren Luxuswohnungen sondern bittschön Sozialwohnungen, die wir in Lüdinghausen dringend benötigen. Aber dafür hat unser Bürgermeister ja so garkeinen Sinn. Hat er doch schon verhindert, das gegenüber im Projekt „MehrGenerationenWohnen“ keine Sozialwohnungen mit eingeplant werden durften (lt. Aussage eine der Initiatorinnen damals mir gegenüber). So hatten dann auch mal wieder nur Mitbürger mit entsprechendem Geldbeutel die Gelegenheit in ein solches Projekt einzuziehen. Shame on him.

    • Sehr cool, Susanne! Und Glückwunsch zu einer erstklassigen Vorstellungskraft! Dieses „Schiff“ hab ich gar nicht „gesehen“! Für mich war das nur ein mittelerfolgreicher Versuch mit wenigstens einem Element auf den Zuschnitt des Grundstückes einzugehen. – Dieser Schiffsbug könnte Lüdinghausens erster Bäcker mit „Drive-In-Schalter werden“… ;-)

      Einen Kindergarten auf dem Gelände (nicht auf dem Dach) halte ich für unmöglich. Dazu wird der Platz nicht reichen, denn irgendwo müssen die Autos ja hin und Tiefgaragen sind komplex und daher teuer. Ganz grundsätzlich, denke ich, muss es in Lüdinghausen einen besseren Platz für einen Kindergarten geben, als ausgerechnet auf/neben einem Supermarkt an einer Bundesstraße!

      Der Vorschlag dafür an die Nachbarschaft des Klutensee-Hallenbads zu denken, leuchtet mir jedenfalls vollkommen ein. Und wenn das nicht an anderer Stelle schon als kostbares Bauerwartungsland gesehen würde, was ich nicht weiß, mir aber vorstellen kann, dann würde das mit Sicherheit auch durchzusetzen sein…

  • Sie nennen Herrn Merten beim Namen. Aber warum sagen sie nicht auch das Herr Merten ein Ratsmitglied der CDU ist?

    • Liebe Ilona, danke für den Kommentar! Doch um zu beurteilen, wie mir die beiden Projekte gefallen, ist es mir herzlich egal, welcher Partei oder Fraktion einer der vielen Beteiligten angehört… mir gefallen beide Vorschläge nicht! Warum, das habe ich oben versucht zu erklären. Den Rest sollen die dafür gewählten unter sich ausmachen. Den meisten unserer Ratsleute traue ich tatsächlich zu, eine abgewogene eigene Entscheidung zu treffen.

      Wie die Fraktion der CDU sich zum Thema verhält, wird man sehen! Herr Merten wird selbst wegen Befangenheit nicht an der Abstimmung teilnehmen, bei anderen Ratsmitgliedern fehlt mir da ehrlich gesagt der Einblick. Aber schon dann ist diese Frage ja tatsächlich entlang der Parteigrenzen nicht mehr zu entscheiden (Wenn denn dann alle Ratsmitglieder auch anwesend sind und an der Abstimmung teilnehmen!). Wie das dann ausgehen wird, ist spannend. Und darüber kann man dann auch wieder reden.

      Eins ist ja sicher – wenn der Bau dann mal dort steht, dann wird man 2020 auch wissen warum er dort steht und wer das so entschieden hat! Deshalb bin ich eigentlich herzlich entspannt in dieser Frage.

      Das Ergebnis allerdings, wird auch nix an der Tatsache ändern, das wir etwas besseres verdient haben!

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